Stell dir vor: Der Gurt hat gehalten. Der Sturz ist passiert, du bist verletzt— vielleicht, vielleicht auch nicht – und du hängst jetzt frei in der Luft.
Kollegen kommen. Jemand ruft die Sanitäter.
"Zum Glück hat der Gurt gehalten" , denkt jemand.
Und genau in diesem Moment beginnt die Uhr zu ticken.
Nicht metaphorisch.
Das Problem, das niemand erwähnt
Es heisst hämodynamisches Hängetrauma – oder auf Englisch suspension trauma .
Und es ist möglicherweise das Gefährlichste, was beim Thema Absturzsicherung kaum je besprochen wird.
Was passiert: Wer bewegungslos und aufrecht in einem Auffanggurt hängt, erlebt, wie das Blut in die Beine versäckt. Das Herz bekommt zu wenig zurück. Der Kreislauf bricht zusammen.
Das kann in wenigen Minuten zu Bewusstlosigkeit führen.
Nach 15–30 Minuten kann es lebensgefährlich werden – auch ohne Sturzwunden.
Was bedeutet das konkret?
Ein Auffanggurt ist Leben. Aber ein Auffanggurt ohne Rettungsplan kann trotzdem tödlich enden.
Deshalb gehört zu jedem Absturzsicherungskonzept zwingend:
1. Ein Rettungsplan
Nicht "wir rufen dann die Feuerwehr". Sondern: Wie holen wir diese Person runter – und wie schnell? Wer ist zuständig? Was brauchen wir dafür?
2. Geschultes Personal vor Ort
Mindestens eine Person im Team sollte wissen, was bei einem Hängetrauma zu tun ist: hängende Person soweit möglich bewegen lassen (Beine hochziehen), sofort Rettung einleiten, nach der Bergung liegend lagern.
(Wichtig: Nicht sofort hinlegen lassen – das kann den Kreislaufschock verstärken. Das klingt kontraintuitiv. Deshalb braucht es Schulung.)
3. Übungsszenarien
Einen Rettungsplan aufschreiben ist das eine. Ihn einmal durchgespielt haben ist das andere.
Manche Betriebe üben das jährlich. Das sind die Betriebe, bei denen ich nach der Schulung ruhig schlafen kann.
Und was ist mit dem Gurt selbst?
Ebenfalls oft vernachlässigt: Auffanggurte nach einem Sturz sofort ausser Betrieb nehmen .
Auch wenn der Gurt "gut aussieht". Auch wenn "gar nichts passiert ist".
Die Belastung eines Sturzes hinterlässt Schäden, die man nicht sieht. Ein Gurt, der einmal gehalten hat, ist kein Beweis für Sicherheit beim zweiten Mal.
Hersteller sind da übrigens eindeutig: Einmalige Sturzbelastung = Entsorgung.
Fazit
Absturzsicherung hört nicht beim Gurt auf.
Sie hört dort auf, wo die hängende Person sicher und bei vollem Bewusstsein wieder auf dem Boden steht.
Alles dazwischen – der Rettungsplan, die Schulung, die Übung – ist genauso Teil der PSA wie das Sicherungsset selbst.
Der Gurt fängt dich auf. Dein Rettungsplan holt dich raus.
Beides braucht es.
Pssst... Danke fürs Lesen. Kostenlos, neutral und ja – manchmal etwas unbequem.
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